|
|
| |
|
|
| |
|
|
|
Das Gespräch führten wir am 22. und 27. Februar in San José.
Als du mir gesagt hast "alt", habe ich geantwortet, ich empfinde mich nicht als alt. Ich glaube, dass wir in unserer inneren Zeit alt sein können wenn wir jung sind und jung, wenn wir alt sind. Ich war ernst, als ich jung war, und ich spielte nicht, und heute spiele ich. Ich hoffe, dass ich noch jung sein werde, wenn ich sterbe, nach dem Satz von Picasso:„Ich bin mit dem Alter immer jünger geworden“. Das hat nichts mit dem Willen zu tun, sondern das ist innere Arbeit, glaube ich.
Was meinst du wenn du sagst, du spielst heute?
Ich habe kein Gewicht mehr auf dem Kopf. Als ich jung war, hatte ich viele schwere Gewichte auf dem Kopf. Und wir haben das ganze Leben, um diese Gewichte aus der Kindheit zu eliminieren.
|
|
|
| |
Um sie zu transformieren?
Natürlich. Ja. Ich glaube, ein Kind ist immer ernst, es hat so viele Fragen, es will die Welt verstehen. Ich kann hier nicht mein Leben erzählen, aber ich habe dir schon von dem Krieg zwischen meinen Eltern erzählt. Und wenn ich sage, ich spiele heute, dann ist das deswegen, weil ich heute leichter bin als damals. Ich habe auch nicht mehr die Gewichte von Verantwortung, Arbeit, Gesellschaft, ein wenig noch Familie, aber nicht mehr so viel Verantwortung wie ich noch vor fünf Jahren hatte. Niemand sagt mir, du sollst dieses oder jenes tun, ich bin allein, und das Erste ist frühmorgens, ich atme, ich bin frei, ich bin hungrig, oder nicht, alles sehr elementar. Als ich jung war, hatte ich keine Zeit für diese Erfahrung. Ich sollte immer etwas tun, die Schule, die Eltern, die Schwerstern, ich musste immer etwas tun. Heute entdecke ich, dass ich die Zeit nur für mich habe. |
 |
|
|
|
Der Mensch ist nicht wirklich wild. |
|
|
|
|
|
 |
|
|
|
| |
Und nennst du das spielen, dass du frei bist und tun und lassen kannst was du willst?
Nicht ganz. Ich nehme ein Beispiel. Ich empfinde, dass du ernst bist, vielleicht bist du es nicht, aber ich empfinde es so, und ich versuche, dich aufzuheitern. Oder wenn ich in einem Geschäft bin und dort arbeitet jemand, der nicht froh ist, weil im Winter nichts los ist, dann versuche ich auch den aufzuheitern, weil ich glaube, dass Erwachsene verratene Kinder sind. Und wenn sie verratene Kinder bleiben, dann können sie Böses tun, nicht willentlich, aber unwillentlich. Wenn sie aber ein wenig mehr befreite Kinder sind, dann ist es nicht mehr so katastrophal. |
| |
Mein Großvater mütterlicherseits war ein großer Arbeiter, und er sang und spielte immer. Er war und bleibt ein Vorbild für mich. Er war Dachdecker. Als ich jung war, floh ich vor der Familie und nahm mein Fahrrad und fuhr zehn Kilometer zu meinen Großeltern, wo es still war, und ich ging mit dem Großvater arbeiten, aufs Dach, oder im Winter, sonntags, zur Jagd. Das ist eine Lektion von früher, und ich habe diesen Großvater immer in meiner Erinnerung. Ich lasse mich nicht vom Alter besiegen.
Natürlich wird der Körper nach und nach schwächer werden. Das ist eine Notwendigkeit. Aber wenn mein Körper sehr schwach wird, habe ich schon meine Lösung für dieses Problem, um meinen Tod zu organisieren. Wir sehen heute so viele Menschen, die sind nur noch lebendig weil sie Medikamente nehmen. Aber sie sind schon, in Französisch sagt man Gemüse. Sie sind wie Gemüse, das ist kein Leben mehr.
|
|
 |
|
|
|
|
„Les vrais sages meurent de colère.“ |
|
|
|
|
|
 |
 |
|
|
| |
|
Ich kenne einige Menschen, die so denken wie du. Die große Frage ist aber, wann ist der Zeitpunkt gekommen? Du musst ja ein Gefühl für dich entwickeln, das dir sagt, wann das Leben für dich zu Ende sein soll.
Ich glaube, wenn man sich innen gut kennt, empfindet man, wann die Zeit gekommen ist. Man kann das nicht nur mit dem Verstand regeln, es ist ein Gefühl des ganzen Körpers. Der Körper ist klug. Wenn ich nicht gut atmen kann in einem Raum mit einigen Menschen, dann hat das einen Sinn, und der Körper beginnt, sich mit dem Atmen schwer zu tun. Und wenn dein Körper so klug ist, warum willst du ihn dann nicht leben lassen bis er von alleine stirbt?
Ja, er ist klug, weil er viele Sachen fühlt, ohne dass mein Kopf es weiß, aber Kopf und Körper ist eins. Ich stelle mir vor, dass ich hier bin und irgendwann mal kann ich keine Treppen mehr gehen, und ich kann nicht mehr lesen, dann beginnt es schwer für mich zu werden. Ich bin aber nicht immer in dieser Vorstellung, und sollte ich Ersatzlösungen haben, dann werde ich sie nutzen, das weiß ich. Ich bin nicht beunruhigt wegen meines Todes. Ich werde unruhig sein, wenn ich nicht mehr laufen kann oder nicht mehr sehen kann. Aber vielleicht werde ich neue Lösungen finden. In meinem Leben hatte ich Perioden, in denen ich sehr schwach war, und ich habe immer Lösungen gefunden. Ich werde auch im Alter etwas finden. Und wenn es das Ende ist, dann ist es das Ende. |
|
| |
Wild. Ich habe ein wenig nachgedacht und finde, der Mensch ist nicht wirklich wild. Das Wildschwein in den Bergen um San José ist wild, und das ist ein schweres Leben. Es muss während der Nacht etwas zu Fressen finden. Ich habe wilde Tiere gern, lieber als die domestizierten. Wir sind nicht wild, aber wir können eine innere Freiheit haben unserer Gesellschaft, unserer Zivilisation und unserer Familie gegenüber. Wir können das Wilde im Herzen schützen. Aber das ist eine Arbeit fürs ganze Leben.
|
 |
|
|
|
Ich glaube nicht, dass wir am Ende des Lebens versöhnt sein müssen. |
|
|
|
 |
|
|
|
| |
|
Würdest du sagen, dass du etwas Wildes in deinem Herzen hast?
Ja. Ich habe es geschützt. Ich habe dir letztes Mal gesagt, ich war "Polen". Polen ist immer besetzt gewesen, und ich war immer besetzt, das war mein Schicksal. Besetzt von Liebe, von Begeisterung, von Leidenschaften, und um nicht ganz besetzt zu sein, habe ich einen inneren Schatz geschützt.
Aber was ist schlimm daran, von Liebe, Euphorie und Leidenschaft besetzt zu sein?
Weil die Liebe ist auch eine Besatzung. Sieh hier, diese Malerei von Goya, der Gott Saturn frisst seine Kinder, die Liebe ist auch ein Verschlingen. Und aufgrund meiner Lebenserfahrung habe ich meine Verteidigung organisiert, um etwas Wildes gegen diese verschlingenden Lieben und Leidenschaften zu verteidigen. Das ist meine Erfahrung.
Ich finde es interessant, dass du wild mit frei gleich setzt.
Freiheit ist ein Wort wie Liebe, wie ein großer Koffer. Jeder legt was er will in diesen Koffer hinein, und wir sprechen nicht von denselben Dingen. Für mich ist Freiheit frei atmen zu können. Ein Kind, das frei atmen darf, ist wild, das ist quasi synonym für mich.
Weise. Ich glaube nicht, dass wir am Ende des Lebens versöhnt sein müssen.
Ich habe einen Satz, den ich immer bewahrt habe, es ist ein arabisches Sprichwort: „Wirklich weise Menschen sterben mit Zorn. Les vrais sages meurent de colère.“ Wenn wir nicht mehr empört sind, sind wir vielleicht weise, aber wir sind auch schon tot bevor wir gestorben sind.
Ich habe viel Zorn in mir, aber ich glaube, ich habe mittlerweile eine bessere Lösung für diesen Zorn als früher. Früher war ich sehr zornig, dumm und gegen etwas. Aber der Zorn ist da. Er ist eine Energiequelle und ein Stimulus, ein Impuls der Lebensenergie. Heute ist er nicht mehr, wie damals, gegen die Mutter oder eine Frau gerichtet. Ich hatte dieses große Problem mit der Mutter, das war meine Situation, und da es ein Problem mit der Mutter gab, gab es auch Probleme mit den Frauen. Das hat viele Jahre angedauert. |
|
|
|
|
|
Der Zorn ist zuallererst in mir selbst, und ich sollte verstehen, was er mit meiner Vergangenheit zu tun hat. Es gibt zwei falsche Regeln, mit dem Zorn umzugehen. Einmal ihn gegen mich selbst zu richten, so dass ich an Selbstmord denke, und der zweite falsche Weg ist, ihn gegen jemand anderes zu richten. Wenn ich jemand anderem die Schuld an meinem Zorn gebe, dann ist der nächste Schritt, ihn anzugreifen. Der dritte und gute Weg mit dem Zorn umzugehen ist der Weg des Verstehens, zu erkennen, dass es ein Problem gibt und dass da Zorn in mir ist und ihn zu verstehen, sowohl in meiner eigenen Geschichte, als auch in der Geschichte der anderen und wenn es möglich ist, darüber zu sprechen. |
 |
|
|
|
Wir können eine innere Freiheit haben. |
|
|
|
|
|
 |
 |
|
|
| |
Ich habe Deutschland aus einigen verschiedenen Gründen gern, ich verstehe nicht genau, weswegen das so ist. Aber es ist auch, weil ich in Deutschland sehen kann, was die Menschheit Unmenschliches gemacht hat. Ich habe dir davon erzählt, dass ich Konzentrationslager und Krankenhäuser besucht habe, wo die Wahnsinnigen vernichtet worden sind. Ich habe dort keinen unmittelbaren Zorn gespürt, ich habe nur die Augen geöffnet und mich gefragt, was alles kann ein Mensch einem anderen Menschen antun? |
|
Ich würde gern genauer verstehen, was dich so sehr an Deutschland und der Geschichte interessiert.
Ich glaube es gibt eine Beziehung zwischen der großen Geschichte und der kleinen Geschichte. Die große politische Geschichte und die kleine persönliche Geschichte stehen immer in einer Beziehung zueinander. Ich musste den inneren Krieg meiner Familie verstehen, aber meine kleine persönliche familiäre Geschichte ist schwer zu verstehen, mein Vater ist tot, meine Mutter sagt nichts, ich bin allein damit. Und was ich nicht in der persönlichen Geschichte in Frankreich verstehen kann, kann ich in Deutschland durch die große Geschichte versuchen zu verstehen. In Deutschland gibt es Museen und Archive, alles ist offen, und man kann alles einsehen. In Spanien geht das nicht, weil man über den Bürgerkrieg immer noch nichts sagt, in der Sowjetunion sagt man auch nichts und in Deutschland sagt man alles. Das ist ein Grund. |
|
 |
|
|
|
|
|
Ich hoffe, dass ich noch jung sein werde, wenn ich sterbe. |
|
|
|
|
|
|
|
 |
 |
|
|
| |
Und ich glaube auch, wenn ein Leben in einem Land unerträglich ist, dann kann die Lösung sein, in ein anderes Land zu gehen. Ich war 1968 zum ersten Mal in Deutschland, ich war 16 Jahre alt. Es war die zweite und letzte Reise mit meinem Vater. Wir waren im Juli in der Tschechoslowakei, wo es die Revolution mit Dubcek gab, und im August ließ mein Vater mich in einem Ferienlager in Baden Württemberg, in Bad Dürkheim. Ich war dort mit zwei französischen Freunden. Mein Vater lud alle Jungs zu einem Getränk ein, und ich blieb drei Wochen in diesem Lager. In meiner Erinnerung ist es das erste Mal, dass ich in meinem Leben froh war. Ich war dort so froh, dass ich im Zug auf der Heimfahrt von Bad Dürkheim nach Paris nur geweint habe. Als ich dann in Paris abends bei der Familie saß, haben sie mich gefragt wie es war, und ich konnte nicht sprechen weil ich nur geweint habe. Hattest du dich im Ferienlager verliebt?
Ah, ich war natürlich in die Chefin des Lagers verliebt, eine Deutsche, eine alte Frau von 22 Jahren. Sie war für mich wie eine verbotene Liebe, die ich stark empfunden habe. Aber es war mehr, ich konnte endlich lustig sein, ich habe mir dort erlaubt froh zu sein, das war ich nicht gewohnt. |
|
 |
|
|
 |
|
|
| |
|
|
 |
|
|
|