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Conchita Sánchez Adam
(geboren 1944 in Genf)
Conchita arbeitet als Dozentin an der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen an der Universität von Granada, ist Mutter von fünf Kindern und bald Großmutter.
Das Gespräch nahmen wir am 29 August 2007 vormittags in Las Casillas (Cabo de Gata) auf.

weise
Ich habe ja jetzt von dir gehört, dass du nicht mit alt anfangen möchtest, warum nicht?
Weil mich das deprimiert. Ich möchte lieber mit weise anfangen.

Dann bitte.
Dann nehme ich mal diesen Stein in die Hand. Neulich habe ich in einer Zeitschrift eine Erklärung für weise gefunden, von einem Neuropsychologen.
Der sagt, unser Gehirn ist wie eine umgekehrte Pyramide aufgebaut. Das heißt, es kommt ein Stimulus rein und alles, was an Stimuli reinkommt, wird vernetzt, sodass am Schluß die Pyramide sozusagen auf dem Kopf steht.
Ältere Menschen sind weiser als junge Menschen, obwohl sie ein schlechteres Gedächtnis haben, aber das Netz ihres Wissens ist stärker verknüpft. Das erklärt mir auch, wieso ich mich jetzt intelligenter fühle, obwohl mir alle zwei Minuten ein Wort entfällt. Also der Begriff weise hat ein neuropsychologisches Fundament, und das finde ich ganz tröstlich.

Da kommt auch das her, was wir Intuition nennen. Intuition ist ja offenbar kein Wischiwaschibegriff, sondern bedeutet, dass wir ganz viel Information ansammeln, die sehr stark vernetzt ist, und wir können auf sie zugreifen ohne zu wissen, woher die Informationen kommen. Für mich ist die Tatsache, dass weise ein Begriff in meinem Leben sein kann, mit dieser Information etwas konkreter geworden.
Aber ich würde nie sagen, dass ich alt bin.

Fühlst du dich machmal weise? Ist es mit einem Gefühl verbunden?
Nein. Es ist mit der Erfahrung verbunden, dass ich Zusammenhänge viel schneller erkenne, viel klarer, und ich glaube auch, tiefer erkenne als früher. Und daß ich diese Zusammenhänge formulieren, verknüpfen und vermitteln kann. Das heißt, dass neue Informationen immer mehr in mein Netz hineinpassen, sich sehr gut einfügen und ich sie gut aktivieren kann.

Ich möchte auf der Frage bestehen, gibt es dir nicht doch eine Art Gefühl, wenn das heute besser geht als früher?
Naja gut, es ist so eine Art Kompensation. Ich denke, na wenn man an anderer Stelle das Gedächtnis verliert, Gelenkigkeit verliert, Kraft verliert… ich hatte früher sehr viel mehr Kraft und war viel gelenkiger, konnte sicherer gehen, hatte also körperlich weniger Einschränkungen als ich jetzt habe.
Ich finde es vor allem schön zu wissen, dass es nicht eine Einbildung von mir ist, dass ich das Gefühl habe, ich bin jetzt weiser oder ich verstehe jetzt die Dinge besser.

Seit ich gelesen habe, dass es dieses Phänomen der Weisheit neuropsychologisch und neurophysiologisch gibt, dann muß es wohl stimmen, dass ich die Dinge heute besser verstehe als früher. Ich hatte natürlich früher ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und das quält mich schon, dass ich das nicht mehr habe. Deshalb finde ich es schon eine Kompensation, wenn du so willst ist es ein Trost, klar.
Wobei trotzdem nicht auszuschließen ist, dass wenn das Gedächtnis immer schlechter wird, die Weisheit sich auch nicht mehr herstellt, denn man muß sich ja an irgendwas erinnern, damit man die Informationen miteinander verbinden kann.
Heute akzeptiere ich Dinge von mir, die ich früher gern anders gehabt hätte.

Das ist die Frage, ob das Gedächtnis.. das ist aber jetzt ein großes Thema, lassen wir lieber ab im Moment.
Das ist dann alles, was ich zu weise zu sagen hab.

Ok.

wild
Dann nehme ich jetzt wild. Ich sehe, du hast diese roten Pünktchen auf den Stein gemalt, und der Stein ist auch etwa unregelmäßiger. Ich glaube, wild ist für mich immer... ich muß erstmal dazu sagen, dass alle drei Begriffe, alt, wild und weise, mir a priori garnichts bedeuten... dazu muß ich erstmal etwas aktivieren... zu wild würde ich sagen, ich glaube mein wilder Teil ist eigentlich immer noch der gleiche, wenn ich die Sexualität ausschließe. Wo ich am wildesten war, war in der Sexualität.
Ich weiß nicht, wie man wild definieren sollte… für mich ist wild vielleicht assoziiert mit frei. Das heißt: den Impulsen nachgehen, sich frei fühlen, und in der Hinsicht fühle ich mich natürlich nicht mehr so wild, weil die Sexualität bei mir praktisch weggefallen ist. Aber mein Bedürfnis nach Natur, nach Freiheit, nach Ungebundenheit, was ich auch mit wild verbinde, das ist immer noch genauso wie früher.

Diesen Bedürfnissen gehst du auch nach.
Ja, immer wenn ich kann. Ich habe natürlich jetzt mehr Einschränkungen als früher als ich auf Ibiza lebte, aber sobald ich dem nachgehen kann, tu ich es. Ich fühle zum Beispiel, dass ich mich gewissen Ritualen, die ich zum Beispiel mit Altsein verbinde, wie Vorsicht und solchen Geschichten, nicht aussetze; das heißt, ich lebe mein Gefühl von Freiheit immer noch dahingehend aus, dass ich mich minimal mit Gegenständen belaste.
Ich glaube, der Gewinn beim Altwerden liegt bei der Weisheit.

Das verstehe ich nicht.
Ja, zum Beispiel beim Anziehen, ich gehe weiterhin gerne barfuß, ich bin weiterhin gerne nackt, solche Sachen meine ich. Mich so wenig wie möglich mit Ritualen belasten, die mir das Gefühl von Freiheit wegnehmen würden. Aber ich muß sagen, bei mir war das wildeste die Sexualität.

Wann hat sich die aufgelöst, sozusagen?
Ich glaube, die hat sich langsam aber sicher aufgelöst, als ich keine Kinder mehr bekommen konnte. Für mich war Sexualität offenbar, wie ich im Nachhinein feststellen muß, mit der Phase meiner möglichen Prokreation verbunden.

Wollen wir an der Stelle nicht erwähnen, dass du fünf Kinder hast?
Können wir gerne machen, ja.
So zwischen 46 und 48 hat sich die Sexualität bei mir langsam aber sicher auch auf Grund der Entscheidung, sie nicht mehr zu leben, zurückgezogen. Und dann ab 50 habe ich die Abwesenheit meiner Sexualität nicht mehr als Mangel empfunden.
Unser Gehirn ist wie eine umgekehrte Pyramide aufgebaut.

Sind denn Männer gar kein Thema mehr für dich?
Doch, sie können es sein. Sie können sich sozusagen in mir aktivieren, aber normalerweise nicht, weil keine Männer da sind, die mich interessieren würden. Wenn mal einer da ist, dann könnte er durchaus zum Thema werden.

Verliebst du dich manchmal?
Ja, so ein bißchen.

Aber du lebst es nicht aus.
Nein. Ich verknalle mich, sagen wir mal so. Ich begeistere mich, es ist im Kopf und im Gefühl, aber nicht in der Sexualität. Doch, ich verliebe mich schon ab und zu mal.

Wild ist für mich alles, was mit Sexualität und mit Natur zu tun hat. Und soweit ich es noch kann und die Natur noch existiert und ich die Gelegenheit dazu habe, fühle ich mich im Umgang mit der Natur immer noch frei. Also wenn ich am Meer bin, kann ich mich durchaus wild fühlen. Wenn ich noch auf Ibiza in meine Calita steigen kann, in die man ja hineinklettern muß und solange ich weit hinaustauchen kann, dann fühle ich mich immer noch wild. Ich fühle mich grundsätzlich immer noch so wild wie früher. Ich lebe es nicht aus, aber ich fühle dieses Potenzial.
Ich assoziiere wild mit frei.

Wenn man wild als ungezähmt übersetzen würde, und das Gegenteil gezähmt wäre, dann fühlst du dich immer noch nicht gezähmt.
Nein. Habe ich mich nie gefühlt. Ist vielleicht eine Illusion, aber....


alt
Jetzt alt. Ich habe es ja schon ein paar Mal gesagt, alt bedeutet für mich: Verlust, Abbau, Ende, Schluß, immer weniger. Tja. Und das muß man halt kompensieren mit der Weisheit. Sozusagen. Ich glaube, der Gewinn liegt wirklich bei der Weisheit: weniger Ungeduld, frustrationstoleranter, belastbarer, verständnisvoller, ausgewogener. Das halte ich für einen Gewinn des Altwerdens. Ich fühle mich nicht mehr so getrieben zu handeln und unbedingt bestimmte Dinge zu machen, weil man von Wünschen, die man glaubt unbedingt erfüllen zu müssen und auch von der Sexualität, getrieben wird. Und in gewisser Weise habe ich auch, erstaunlicherweise, ein größeres Selbstbewußtsein. Früher hatte ich manchmal eine Krise in meinem Selbstbewußtsein, ohne dass irgendetwas äußeres das ausgelöst hat. Jetzt habe ich nur Krisen im Selbstbewußtsein, wenn etwas äußeres eingreift. Also mein Selbstbewußtsein ohne das Eingreifen anderer Menschen ist normalerweise stabil.

Stabiler als es früher war und ist mit dem Alter gewachsen, würdest du es so sagen?
Ja, auf jeden Fall. Mein Selbstbewußtsein ist mit dem Alter gewachsen. Es hat natürlich auch damit zu tun, dass ich sehr viel weniger Stimuli habe und sehr viel weniger neues reinkommen lasse. Ich muß ja viel weniger neues verarbeiten, womit meine Erfahrung von mir selber stabiler ist. Wenn natürlich ein negativer Stimulus auf mich zukommt, der mein Selbstbewußtsein drückt, dann kann es unter Umständen schneller oder tiefer runtergehen als es früher runterging. Aber das passiert gottseidank nicht häufig. Ich habe gottseidank ein soziales Umfeld mit Familie, Freundinnen und am Arbeitsplatz, was mein Selbstbewußtsein ziemlich stabil hält.

Bei mir war das wildeste die Sexualität.

Was wäre denn ein negativer Stimulus?
Zum Beispiel wenn ich zurückgewiesen oder abgelehnt werde, dann kann mein Selbstbewußtsein runtergehen und ich kann mich klein fühlen. Auf andere Mängel, die mich früher haben leiden lassen, reagiere ich nicht mehr mit Verlust von Selbstbewußtsein, die habe ich akzeptiert. Heute akzeptiere ich einfach Dinge von mir, die ich früher gerne anders gehabt hätte. Insofern hat Altwerden nicht nur was negatives.
Es ist alles eine Frage des Gleichgewichts. Solange sich das ganze in der Waage hält, der Abbau, der Verlust, die Einschränkung mit der Situation, die ich im Augenblick habe... ich muß ehrlich sagen, dass ich mich noch nicht zur Gruppe von alten Menschen zugehörig fühle. Und ich glaube, das ist auch realistisch. Alt ist man heutzutage ab 80. Das hat sich verschoben. Jung ist man heutzutage bis 50. Ich sehe meine Freundinnen, die sind um die 50, dann wird man älter, und mit 80 ist man dann alt.
Also ich glaube, es ist nicht realistisch zu sagen, man ist alt mit 63. Man gehört halt nicht mehr zu den jungen Menschen, aber man ist auch nicht alt. Man ist älter, man ist in einer Übergangsphase. Aber ich würde nie sagen, dass ich alt bin, dass du alt bist, dass meine Freundinnen alt sind. Nicht mal meine Mutter, sie wird jetzt 86, und ich würde nicht sagen, sie ist alt. Alt sind für mich Menschen, die sich aufgeben, oder deren Gehirn sie verlassen hat oder deren Körper sie verlassen hat.
Und das ist nichtmal so sehr ans physische Alter gebunden.

Ich verknalle mich manchmal.

Ich würde gern noch einen Aspekt ansprechen, an den ich mich erinnere. Als wir 50 waren und spazieren gingen, hast du davon geschwärmt, ach könnte es doch bald soweit sein, dass ich mich pensionieren lassen kann. Jetzt hast du entschieden, bis 70 zu arbeiten.
Ja, mit 50 hatte ich noch das Gefühl, ich möchte ganz viel Zeit haben, um in Ibiza zu sein und um nichts anderes zu tun, als am Meer zu sein, mit meinen Freunden zusammen zu sein und um Marmelade zu kochen. Und im Augenblick habe ich das Gefühl, dass die Arbeit für mich bedeutet, dass ich weiterhin ein soziales Umfeld habe, in dem ich mich stabil fühlen kann.
Das heißt, Arbeiten hat heute mit 63 einen völlig anderen Wert als mit 50.
Klar. Ich glaube zum Beispiel, dass nur junge Menschen an Selbstmord denken. Ältere Menschen, glaube ich, denken immer weniger an Selbstmord, es sei denn sie sind von Schmerzen zerstört. Ich glaube, wenn die Realität auf einen zukommt, sieht man die Dinge ganz anders.

Alt bedeutet für mich: Verlust, Abbau, Ende, Schluß..

Wenn der Tod sich nähert, meinst du.
Ja. Ich weiß von meinem Vater, der war 88 und konnte sehr schlecht sehen und schlecht gehen, war aber im Kopf superklar. Er sagte: und wenn ich jetzt so bliebe, würde ich gerne nochmal 100 Jahre leben. Ich glaube, wenn der Tod eine Realität wird, dann fängt man erst an zu merken, wie sehr man am Leben hängt.
 
 
   
 
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